Krebsprävention

"Wir haben Belege dafür, dass eine nachhaltige Verhaltensänderung tatsächlich etwas bringt."

Prof. Dr. Olaf Ortmann
Quelle: privat

Epidemiologen zufolge sind 80 - 90 % der nicht übertragbaren chronischen Krankheiten lebensstilbedingt und deshalb durch das geeignete Verhalten entweder vermeidbar oder in ihrem Verlauf günstig beeinflussbar. Gilt das auch für Krebserkrankungen? Prof. Dr. Olaf Ortmann, Direktor der Universitätsfrauenklinik Regensburg und Mitglied des Vorstands der Deutschen Krebsgesellschaft, geht im Interview auf den derzeitigen Wissenstand in der primären Krebsprävention ein.

Herr Professor Ortmann, welche Beweise gibt es dafür, dass sich unser Lebensstil auf unser Krebsrisiko auswirkt?

Unter den schädigenden Verhalten hat das Tabakrauchen zweifellos den deutlichsten Effekt. Wir wissen heute, dass das Krebsrisiko bei chronischem Nikotinmissbrauch ungefähr um das 10- bis 20-Fache steigt. Solide nachgewiesen ist auch der Einfluss von Übergewicht oder Adipositas auf das Risiko, an bestimmten Krebsarten zu erkranken. Diese Risikosteigerung fällt jedoch deutlich geringer aus als beim Rauchen.

Heißt das, dass Übergewicht als Risikofaktor vernachlässigbar ist?

Das kann man so nicht sagen. Nehmen Sie zum Beispiel den Brustkrebs: Adipositas verdoppelt das Brustkrebsrisiko. Die Inzidenz in Deutschland beträgt ca. 80.000, ein deutlicher Anstieg der Adipositasrate würde die absolute Zahl der Brustkrebspatientinnen also merklich vergrößern. Umgekehrt erkranken in Ländern, in denen Übergewicht weniger häufig vorkommt, deutlich weniger Frauen an Brustkrebs.

Bei welchen Krebsarten steigt das Risiko durch Übergewicht besonders stark an?

Beim Endometriumkarzinom ist die Risikosteigerung drastisch höher als beim Brustkrebs. Insgesamt kommt das Endometriumkarzinom nicht so häufig vor; ca. 11.000 Frauen erkranken jährlich neu. Auch hier zeigt sich: Länder, in denen Adipositas häufiger ist, haben höhere Raten an Endometriumkarzinomen.

Wie sieht es mit der Ernährung und Bewegungsmangel aus?

Zu viele Kalorien führen zu Übergewicht und Adipositas. Dies bewirkt eine Steigerung des Risikos für eine Reihe von Krebserkrankungen. Die Evidenz für den Einfluss der Nahrungszusammensetzung auf das Krebsrisiko ist deutlich schlechter. Für Nachrichten wie "Gebt dem Krebs keinen Zucker" gibt es tatsächlich keine handfesten wissenschaftlichen Beweise. Belegt ist hingegen der schützende Effekt der mediterranen Ernährung auf kardiovaskuläre Erkrankungen; weniger deutlich ist ihr positiver Effekt auf das Krebsrisiko. Und auch die regelmäßige Bewegung senkt die Risiken für Herz-Kreislauf-Probleme und Krebs. Wer also etwas für sich tun möchte, sollte sich ausgewogen ernähren, tierische Fette reduzieren, mehr Gemüse essen, Normalgewicht halten oder anstreben und sich täglich körperlich betätigen.

Verhaltensänderungen zur Senkung der Krebsraten - ist das eine Illusion? Wo liegen die Barrieren?

Zunächst die gute Botschaft: Wir haben Belege dafür, dass eine nachhaltige Verhaltensänderung tatsächlich etwas bringt. Wer z. B. bei einem Body-Mass-Index von mehr als 30 sein Gewicht reduziert, der kann auch tatsächlich sein Krebsrisiko senken. Trotzdem ist es nicht leicht, ein breites Verständnis für ein gesundheitsbewusstes Verhalten zu schaffen. Und Verständnis alleine reicht nicht aus, das Ziel lautet Verhaltensänderung. In einigen Fällen mögen Appelle ausreichen, oft genügen sie aber nicht. Ohne fachgerechte Unterstützung fällt vor allem eine nachhaltige Gewichtsabnahme schwer. Natürlich kennen wir Strategien zur Gewichtsreduktion. Aber wir wissen relativ wenig darüber, wie wir damit in großen Populationen erfolgreich sein können. Im Vergleich zu anderen medizinischen Maßnahmen vernachlässigt das Gesundheitswesen den Bereich der Prävention.

Gibt es die Möglichkeit, durch Chemoprävention, also die vorsorgliche Einnahme von Medikamenten, Krebs zu vermeiden?

Wir kennen die Risikofaktoren für das sporadische Mammakarzinom; das ermöglicht uns die Berechnung des individuellen Brustkrebsrisikos mithilfe bestimmter Programme. Frauen mit einem erhöhten Risiko können wir eine Chemoprävention z. B. mit Tamoxifen anbieten und damit das Risiko um ca. 40 % senken. Bei Frauen mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko nach den Wechseljahren lassen sich auch Aromatase-Hemmer einsetzen. Die Medikamente sind dafür nicht zugelassen, aber sie sind wirksam, das wurde in großen randomisierten Studien gezeigt. Leider ist die Akzeptanz für die vorbeugende Einnahme dieser Medikamente gering, auch wenn sie als adjuvante Therapien bei bereits Erkrankten seit langem gut etabliert sind. Ein anderes Beispiel ist die HPV-Impfung: Gebärmutterhalskrebs und seine Vorstufen lassen sich durch eine frühzeitige Immunisierung gegen Humane Papillomviren (HPV) wirkungsvoll bekämpfen. Dennoch ist die HPV-Impfung in Deutschland nicht gut verbreitet, obwohl die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut die HPV-Impfung ausdrücklich für Mädchen im Alter zwischen 9 und 14 Jahren empfiehlt und die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.

Was wünschen Sie sich in Deutschland für die Präventionsforschung?

Wir müssen bekannte Risiken vermeiden und benötigen dafür die entsprechenden Umsetzungsmaßnahmen, sowohl für die Aufklärung der Bevölkerung als auch zur Risikovermeidung. In diesem Bereich müssen wir deutlich mehr forschen. Neue Strategien in der Entwicklung der Chemoprävention sollten entwickelt werden. Ich denke dabei an Impfungen oder neue zielgerichtete Medikamente gegen häufig vorkommende Krebsarten. Das Beispiel der HPV-Impfung zeigt: Wir haben zum Teil wirksame Präventionsmaßnahmen, die aber wegen insuffizienter Implementierungsstrategien oder schlechter Akzeptanz ungenügend umgesetzt werden. Um dieses Defizit zu beseitigen, müssen wir deutlich mehr tun.