P wie personalisierte Medizin

Prof. Dr. Ulrich Keilholz
Quelle: privat

Der Begriff „personalisiert“ steht wie kein anderer für die Hoffnung auf einen fundamentalen Durchbruch in der Krebsbehandlung. Gemeint ist damit eine Behandlung, die möglichst genau auf das molekulare Profil des jeweiligen Tumors abgestimmt und dadurch hochwirksam und schonend zugleich ist. Prof. Dr. Ulrich Keilholz, Kongressvizepräsident des DKK 2016, geht im Interview auf den aktuellen Stand der personalisierten Krebsmedizin ein und erklärt, wie sich das Thema im Programm des kommenden Krebskongresses widerspiegelt.

In der personalisierten Onkologie spielen derzeit sogenannte Treibermutationen eine wichtige Rolle. Was genau versteht man darunter?

Es geht dabei um eine Veränderung im Erbgut des Tumors, die dazu führt, dass die Tumorzelle ein ganz bestimmtes Eiweißmolekül in veränderter Form bildet. Weil dieses Eiweiß das unkontrollierte Zellwachstum „antreibt“, wird aus der normalen Zelle eine Tumorzelle. Schaltet man das veränderte Eiweiß durch ein Medikament gezielt aus, hört auch das unkontrollierte Zellwachstum auf. Ob der Tumor eine solche Treibermutation trägt, lässt sich durch eine genetische Analyse feststellen.

Welche Treibermutationen sind heute therapierbar?

Die erste, die man für die Therapie nutzbar machen konnte, war die BCR-ABL-Mutation. Patienten mit einer chronischen myeloischen Leukämie (CML) und dieser Mutation in den Tumorzellen können sehr wirksam mit einem entsprechenden Inhibitor behandelt werden. Das Medikament läutete eine neue Ära in der CML-Therapie ein, in der die früher häufig eingesetzte Stammzelltransplantation und ihre Risiken zunehmend in den Hintergrund treten. Nach dieser Innovation verging einige Zeit, bis die EGF-Rezeptor-blockierenden Medikamente auf den Markt kamen – sie werden z. B. bei Lungenkrebspatienten mit einer EGFR-Mutation im Tumor eingesetzt. Ein entscheidender Fortschritt war die Entdeckung der BRAF-Mutation beim Melanom und die Entwicklung entsprechender BRAF-Inhibitoren. Viele Patienten, die mit einem fortgeschrittenen Melanom und schwersten Krankheitssymptomen auf Station liegen, können nach der Behandlung mit diesen Medikamenten wieder nach Hause gehen. Das ist sehr eindrucksvoll.

Haben diese Inhibitoren auch Nachteile?

Ihre Wirkung ist oft nicht von Dauer. Denn Tumorzellen können Resistenzen entwickeln. In solchen Fällen sind Kombinationen von Therapien bisweilen hilfreich: Beim Melanom wirkt zum Beispiel die Kombination von MEK- und BRAF-Inhibitoren deutlich besser und länger als der BRAF-Inhibitor alleine.

Lässt sich eine Behandlungsstrategie, die bei einem Tumor mit einer bestimmten Treibermutation gut wirkt, auch auf andere Tumorarten übertragen?

Nicht so ohne weiteres. Um beim Beispiel der BRAF-Mutation zum bleiben: Wir finden diese Mutation außer im Melanom unter anderem auch in Haarzelllymphomen und beim Darmkrebs. Während das Haarzelllymphom sehr gut auf BRAF-Inhibitoren anspricht, gilt das nicht für den Darmkrebs. Offensichtlich spielt der Gewebekontext eine wichtige Rolle.

Macht es Sinn, nach weiteren Treibermutationen zu suchen?

Die wichtigen Treibermutationen sind mittlerweile bekannt. Wir wissen außerdem, dass sie nur etwa zehn Prozent aller Tumorerkrankungen triggern. Die meisten Mutationen in Tumoren setzen funktionierende Gene außer Kraft und bringen dadurch Stoffwechselwege zum Entgleisen. An diesen Mutationen müssen wir jetzt vor allem forschen.

Welche technologischen Herausforderungen stellen sich dabei?

Die Hochdurchsatzverfahren zur Mutationsanalyse sind inzwischen etabliert und werden immer kostengünstiger und schneller. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, das komplexe Zusammenspiel der 150 - 500 Mutationen eines Tumors zu verstehen. Dazu brauchen wir starke Bioinformatikgruppen und Computerprogramme, um die Konsequenzen dieser Genveränderungen für die Zelle modellieren. Im Forschungsumfeld sind Fortschritte erkennbar, aber die direkte klinische Anwendung steht noch am Anfang.

Heißt das, dass zukünftig vielleicht sogar Bioinformatiker an der Therapieplanung beteiligt sein werden?

Gefragt ist die bioinformatische Expertise, gepaart mit medizinischem Verständnis. Die Vision ist, dass Pathologen eines Tages gemeinsam mit Bioinformatikern das Mutationsprofil eines Tumors auswerten und das Ergebnis mit den klinischen Kollegen in einer molekularen Tumorkonferenz besprechen.

Welche Highlights bietet der DKK2016 für Teilnehmer, die mehr über die personalisierte Onkologie erfahren wollen?

Die Aspekte der personalisierten Medizin werden in einer Vielzahl der Sitzungen diskutiert, sowohl in unserem Schwerpunkt „Translationale Medizin“ als auch in den einzelnen tumorspezifischen Veranstaltungen. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse bezüglich einer Treibermutation von einer Tumorart auf die andere ist dabei ein wichtiger Gesichtspunkt, ebenso wie die angesprochenen Dysfunktionsmutationen. Ich freue mich sehr auf ein spannendes Programm, das man auf keinen Fall verpassen sollte.