Palliativ – und dann?

In der Bevölkerung werden Themen wie die „Tötung auf Verlangen“ und die „Beihilfe zur Selbsttötung“ bei Menschen mit schwerer unheilbarer Erkrankung oft kontrovers diskutiert. Inwieweit Maßnahmen zur Lebensverkürzung bei Palliativpatienten aufgrund einer unzureichenden Symptomlinderung notwendig und gerechtfertigt sind, wurde in einer Befragung leitender Palliativmediziner aus Palliative Care Teams untersucht. Das Ergebnis der Erhebung stellte Dr. Thomas Sitte, Vorstandsvorsitzender der Deutschen PalliativStiftung in Fulda im Rahmen des DKK 2016 in Berlin vor.

Erhebung zu Maßnahmen der Lebensverkürzung
Wie Sitte darlegte, wurden 49 Palliativmediziner eingeschlossen, die eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) erbringen, wobei 79 Fragen gestellt wurden. Gefragt wurde nach der Teamstruktur, nach der Häufigkeit von Bitten um Tötung auf Verlangen und Beihilfe zur Selbsttötung, nach der Einstellung gegenüber Tötung auf Verlangen und Beihilfe und dem Umgang mit solchen Möglichkeiten beim Patientenwunsch. Es wurde ferner nach dem Bedarf für solche Maßnahmen der Lebensverkürzungen gefragt und danach, bei wie vielen Patienten ein Suizid oder andere Maßnahmen der Lebensverkürzung bekannt wurden, warum es dazu kam und ob das Leiden hätte palliativ gelindert werden können. Zusätzlich wurden Fragen zur Kenntnis und Anwendung der Leitlinien zur Sedierung am Lebensende gestellt.
Es resultierten 42 auswertbare Antwortsätze, was einem Rücklauf von 86 Prozent entspricht, wobei die Palliative Care Teams in den Jahren 2013 und 2014 nahezu 18.000 Patienten bis zum Tod begleiteten. 17 Patienten verstarben durch Suizid, teils nach Ankündigung, zum größeren Teil jedoch völlig überraschend.

In keinem Fall Beihilfe zum Suizid
In keinem einzigen Fall wurde in der Untersuchung Beihilfe zum Suizid durch das Palliative Care Team erforderlich und nach Einschätzung der Kollegen lag auch bei keinem einzigen Patienten, der Suizid beging, ein nicht behandelbares Leiden vor. „Das ist vor dem Hintergrund der rasant wachsenden Zahlen von Lebensverkürzungen in den Beneluxländern, der Schweiz und Oregon erschreckend“, so Sitte.
Die Erhebung zeigt nach seinen Angaben insgesamt, dass eine Beihilfe zur Selbsttötung und/oder eine Tötung auf Verlangen bei Palliativpatienten so selten aus Gründen unzureichender Symptomlinderung notwendig sind, dass gesetzliche Rahmenbedingungen für (Selbst)Tötungen nur schwerlich definiert werden können.

Palliativmedizin ist auch Suizidprävention
"Dem Wunsch nach Lebensverkürzung aus körperlichem Leiden heraus kann durch die heutigen hospizlich-palliativen Möglichkeiten praktisch immer eine klare Alternative geboten werden“, erläuterte Sitte. Es ist nach seinen Worten somit davon auszugehen, dass die Struktur- und Prozessqualität in der SAPV mittels eigenständiger Palliative Care Teams auch eine effektive Suizidprävention darstellen kann.
„Aus meinem eigenen ethischen und ärztlichen Verständnis heraus waren die Ergebnisse hinsichtlich der Kenntnis und Einhaltung der Leitlinie allerdings erschreckend“, betonte der Mediziner in Berlin. Denn es wurde nach seinen Worten deutlich, dass die Leitlinien zwar gut bekannt sind, jedoch nicht unbedingt eingehalten werden und tatsächlich teilweise eine Sedierung als Maßnahme intendierter, bewusster Lebensverkürzung praktiziert wird.